Ein Interview mit Martin Burckhardt über sein Buch die „Philosophie der Maschine“. Fortsetzung des Interviews „Wir entdecken, was wir erfunden haben: Die Evolution der Maschine“

Welche Konsequenzen hat die Digitalisierung für uns? Was müssen wir aufgeben?

Martin Burckhardt: Den Kapitalismus, so wie wir ihn kennen. Die Boolesche Formel – also x=xn – ist ja die Materialisierung des kapitalistischen Schlaraffenlandes. Jedes Ding, das man digitalisiert und in den Arbeitsspeicher überführt hat, lässt sich nach Belieben proliferieren. Und weil alles überflüssig ist, ist der Mensch ist nicht mehr genötigt, auf dem kalten Stern der Knappheit vor sich hin zu vegetieren. Digitalisiert, das heißt in die Überflüssigkeit überführt, verliert das Ding seinen Wert. Wenn es überflüssig ist, kann ich es nicht mehr verkaufen. Das Einzige, was sich noch verkaufen lässt, ist das Versprechen, dass man das Ding mit einem Upgrade versieht. Der Mehrwert ist, in der Begrifflichkeit von Marx, der Geist, der dem Ding eine intelligentere Seinsweise verpasst. Trotz alledem, im Sinne der Güterproduktion ist der Kapitalismus ernsthaft in Gefahr.

Der nächste Moment: Wenn Arbeit digitalisiert werden kann, entsteht ein Totenreich abgestorbener Arbeit, ein Museum der Arbeit. Denn in Zukunft wird man auf alle repetitiven Tätigkeiten verzichten können. Wir erleben wahrscheinlich gerade erst einen Vorschein dessen, was möglich ist. Aber wenn man das etwas gründlicher durchdenkt, kommt man zu Gesellschaftsbildern, die einem unvorbereiteten Zeitgenossen nur bizarr vorkommen werden.

Unsere ewigen Wahrheiten sind Verleugnungen der Triebwerke in der Kultur. Das kann man anarchistisch nennen. Auf der anderen Seite ist die Maschine auch sehr strukturiert. Sie strukturiert ja auch zum Beispiel eine Ewigkeitssehnsucht.

Hat die Maschine – in ihrer Radikalität betrachtet – einen anarchistischen Charakter?

Martin Burckhardt: Sie entthront das Primat der Vernunft. Wenn wir in die Philosophiegeschichte zurückgehen, dorthin also, wo die vermeintlich unumstößlichen Wahrheiten aufgestellt werden, sehen wir, dass der Philosophie die Dunkelzone der Maschine vorausgeht. Platon beispielsweise, der der Alphabet die Idee der Ewigkeit, die philosophia perennis, verdankt, ist vor allem besteht, das Alphabet, als historische Form, aus seinem Vernunft-Kosmos zu streichen.

Unsere ewigen Wahrheiten sind Verleugnungen der Triebwerke in der Kultur. Das kann man anarchistisch nennen, in dem Sinn jedenfalls, dass sich die Menschen der Herrschaft der Naturkräfte entwinden. Auf der anderen Seite strukturiert die Maschine auch das eigene Denken, die Ewigkeitssehnsucht zum Beispiel. Es lösen sich Dinge ein, die sich allein dem Möglichkeitsraum der Maschine verdanken. Wenn ich also Ewigkeit denke und von ihr zu sprechen beginne, beginnt sich auch der Himmel mit Göttern zu füllen, die ein Ewigkeitsversprechen abgeben. Und das ist, als self-fulfilling prophecy, gar nicht verwunderlich.

Ganz extrem wird es diesbezüglich ja auch bei dem Panoptikon von Bentham, wo sie der Wirklichkeit ihre Struktur diktatorisch aufoktroyiert.

Martin Burckhardt: Ja, die Maschine ist totalitär, da sie die Götter, die Gesellschaft, als auch die Psyche umfasst. Die Frage ist eben, wo sie ihre totalitäre Wirkung am heftigsten entfaltet. Nämlich überall dort, wo man sich der Maschine nicht bewusst ist. Macht man sich hingegen klar, dass es mit einem menschlichen Machwerk zu tun hat, hört sie plötzlich auf, als totalitäre Maschine zu wirken. Sie wird zur Option, die man so oder so, als auch menschenfreundlich gestalten lässt.

Das Dilemma beginnt eigentlich dort, wo eine Zeit ihre Maschine wechselt. a sind ja gerade in diesem Digitalisierungsmoment, wir wechseln sozusagen unsere Universalmaschine und die Fundamente werden völlig unklar.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Dunkelzonen, die Opakheit, wie z.B. die Maschine als Black Box bei Latour?

Martin Burckhardt: Es spielt auf jeden Fall eine herausragende Rolle. Das Black Boxing bei Bruno Latour ist eine Technik des Vergessens, eine ars oblivionis – man muss sich keine Gedanken mehr machen. Man gibt etwas in einen Körper hinein und bekommt irgendwie etwas wieder heraus. Das gibt Struktur und Klarheit.

Man muss sich nur darüber im Klaren sein, dass man für diese Entlastung einen Preis zu entrichten hat. Wie die allgemeine Steuer, die einerseits eine Zwangsmaßnahme ist, der Gesellschaft aber durchaus Vorteile verspricht. Insofern würde ich auf dem totalitären Charakter der Maschine nicht insistieren. Es gibt sie auch als Form der Gesellschaftskonstitution, die durchweg begrüßenswert ist.

 

 

Gäbe es dafür einen Moment in unserer Kultur, an dem dies festgemacht werden kann?

Martin Burckhardt: Ja, und das ist auch deswegen interessant, weil dies Moment vollständig dem Vergessen überantwortet worden ist. Das ist das Dogma der unbefleckten Empfängnis, dieses sonderbare Himmelfahrtskommando, das Europa in unerreichte Höhen hinauf katapultiert hat. Die Tatsache, dass ausgerechnet Westeuropa zum Hort, ja zur Abschussrampe der Maschine werden konnte, ist eigentlich ein historische Unwahrscheinlichkeit, ein Treppenwitz geradezu. Sehr viel plausibler wäre gewesen, dass das Maschinenprogramm dort gelauncht worden wäre, wo die griechische Bildung stark verwurzelt gewesen ist – bei den Römern oder im Nahen Osten z.B. Stattdessen ist sie in rückständigen Gegenden wie Frankreich oder Deutschland auf den Weg gebracht worden, überall dort, wo dieses Dogma sich entfaltet hat. Diese Idee fand ich schon ein wenig verrückt. Aber sie ist, als Sozialgeschichte, geradezu überwältigend. Im Zeichen der unbefleckten Empfängen entstehen Kathedralen, und aus den Kathedralenschulen wiederum gehen Universitäten hervor, der Buchdruck und der Kapitalismus. Das alles entsteht nur da, wo dieses Dogma sich eingehaust hat. In Russland z.B. diskutiert man noch im 17. Jahrhundert darüber, ob man das Papier mit einer Druckerpresse nicht entheiligt. Dieses Denken ist ja bis heute präsent, etwa wenn wir im Buchdruck von der »Makulatur« sprechen, der Befleckung. Das Moment, dass unsere Gesellschaftsordnung aus einem Phantasma hervorgeht, das sich nicht begründen lässt, ist absolut verwirrend: eine Levitation, die die Maria zu einer schwebenden Jungfrau verwandelt. Das Himmelsfahrtprojekt einer Kultur. Nehmen wir die Folgen in den Blick, so kann ich die Maschine an dieser Stelle absolut bejahen. Die Maschine ermöglicht menschliche Freiheitsräume. Und da kann das Verdunkeln durchaus gutartige, ja geradezu emanzipatorische Züge tragen.

Und wo wird die Verdunkelung zu einem Problem oder gar zu einem Dilemma?

Das Dilemma beginnt dort, wo eine Zeit ihr Gesellschaftsprogramm austauschen muss. Das ist unsere Situation. Wir wechseln unsere Universalmaschine, mit der Folge, dass die alten Institutionen hinfällig werden und die Fundamente zu schwanken beginnen. Bildlich gesprochen, steigen wir gerade auf einen anderen Geisteskontinent um und haben unglaubliche Anpassungsprobleme. Und da wird das Black Boxing zu einem echten Dilemma.

Warum? Weil wir, anstatt uns mit der digitalen Neuerfindung unseres Gesellschaftsprogramms zu beschäftigen, alles daran setzen, die alte Welt am Leben zu halten. Man simuliert, wenn man so will, den Fortbestand, business as usual halt. Das führt natürlich in geistige Dilemmata, kognitive Dissonanzen und Simulationstechniken hinein, die für mich keinen Sinn mehr ergeben. Oder wenn, so nur als Symptome eines gesellschaftlichen Phantomschmerzes.

Wir programmieren und es wird so getan, wie wir es wünschen. Habe ich einen vernetzten Mikrochip, dann kann ich die Dinge überall hin versenden. Und plötzlich lebe ich in einer Welt die Züge einer Wunschmaschine hat. Das ist verrückt. Die Wünsche werden wahr, strukturieren die Realität.

Gibt es für diese Dunkelzone auch ein prominentes Beispiel in der digitalen Welt?

Ich habe mich intensiv mit der Geschichte des Transistors beschäftigt, also auch mit den Techniken, die schließlich zum Mikroprozessor geführt haben. Was ist das Besondere an einem Mikrochip, der eine unglaubliche Menge an Transistoren in sich vereinigt? Er lässt den Raum schrumpfen, ein bisschen so wie im Mittelalter, wo man darüber nachgedacht, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz finden. Mit dem Microchip kehrt die Kultur, die immer über den Horizont hinaus wollte, plus ultra, ihre Blickrichtung im: fortan zielt sie auf das Intra des Nanobereiches. Wenn wir also die Geschwindigkeitsgewinne, wie sie im Mooreschen Gesetz formuliert und vorweggenommen sind, so deswegen, weil die Atome immer dichter gepackt werden können, die Abstände sich also verringern.

Interessanterweise ist das ja ein Druckprozess – man projiziert den Schaltplan des Wafers auf den Siliziumchip und lässt den Rest durch chemische Verätzungsprozesse erledigen. Weil sich Jahr um Jahr die optische Auflösung verbessert, lassen sich immer mehr Transistoren auf einem Chip unterbringen. Wenn man das vergleicht, dann ist es genau das, was eigentlich Gutenberg gemacht hat. Dessen Genie bestand ja gar nicht so sehr im Druck mit beweglichen Lettern – die gab es schon in Korea im 8. Jahrhundert -, sondern in der metallurgische Kunst: dass es ihm, über die Staffelung von Stahl und Blei möglich war, die Identität einer Drucktype, eines Fonts, wahren zu können.

Insofern könnte man den integrierten Schaltkreis als Weltmaschine oder Weltsimulation auffassen. Wenn wir ihn programmieren, müssen wir nicht mehr darüber nachdenken, welche quantenmechanische Prozesse da ablaufen. Wir programmieren, und es passiert genau das, was wir uns wünschen. Gesagt getan! Und habe ich einen vernetzten Mikrochip, kann ich meine digitalisierte Objekte oder Programme überall hin teleportieren. Plötzlich lebe ich in einer Welt, die Züge einer Wunschmaschine hat. Das ist verrückt. Die Wünsche werden wahr, strukturieren die Realität. Und das geht, insofern man die materiellen Begrenzungen hinter sich lässt, mit einer Form des Unbewussten einher. Auf eine buchstäbliche wie metaphorische Weise bewegen wir uns in einer Weltsimulation. Das hat aber auch einen Preis, überall dort nämlich, wo die digitale Unendlichkeit an die natürlichen Grenzen stößt. Oder wo die wirkliche Welt einfach unlesbar geworden ist.

Wenn man mit dieser Maschine operiert, dann kann man nicht mehr diesen simplen Wahrheitsbegriffe aufrechterhalten. Dieser ist dann obsolet. Man muß sich ernsthaft fragen, wie entsteht eine Gesellschaft, wie ist eine Sozioplastik gestaltet und welche Rolle spielt die Maschine dabei?

Am Ende ist die Philosophie der Maschine aber auch eine Auseinandersetzung mit der Philosophie selbst, richtig?

Ja, und möglicherweise nimmt diese Auseinandersetzung sogar den Charakter eines Abgesangs an. Die Philosophie hat ja historisch immer die Aufgabe die Longue dureé, die Wahrheitsproduktion, die Episteme zu organisieren. Aber das ist Geschichte. Stattdessen erlebt man in der Philosophie selbst, dass sich dort eine gewisse Fäulnis breitgemacht hat, dass man sich lieber mit so weichen Fragen wie dem guten Leben, der Achtsamkeit oder der Ethik beschäftigt.

Dass die Philosophie ihre besten Tage hinter sich haben könnte, muss auch Heidegger in den 50er Jahren angeflogen haben. Da hat er Gotthardt Günthers Kinogrammtik gelesen, einen der ersten Kybernetiker, der in der Transzendentalphilosophie à la Kant geschult war, aber nach Amerika exiliert sich plötzlich mit Informatik beschäftigt hat. Heidegger hat das gelesen und begriffen, dass man nicht mehr so weitermachen kann wie bisher. Weshalb sein Aufsatz den Titel trägt, „Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens“.

Mit welcher Konsequenz ist das einhergegangen?

Wenn man mit einem Computer operiert, lässt sich der schlichten Wahrheitsbegriff der Philosophie nicht mehr aufrechterhalten. Was heutzutage den Titel der Vernunft für sich reklamiert, ist kybernetisch augmentiert – befindet sich doch jeder Bürger mit Smartphone in der Position eines Cyborgs, eines kybernetisch augmentierten Organismus‘. In Anbetracht dieser technischen Abhängigkeit ist die reine Geisteskraft obsolet, ebenso wie die Position des Philosophenkönigs, der die Gesellschaft nach philosophischen Grundsätzen ordnet. Stattdessen gilt es, die Rolle der Maschine in den Blick zu nehmen. Man muss sich fragen: Wie entsteht eine Gesellschaft, wie ist die zeitgemäße Sozioplastik beschaffen, welche Rolle spielt die Maschine dabei? Das bezieht sich dann eben auf den Untertitel des Aufsatzes „Die Aufgabe des Denkens“, nämlich wie man diese sozioplastische Maschine nutzen kann, damit sie auf den Menschen positiv zurückwirkt und keine negative Eigendynamik entfaltet.